Die Bilder, die in diesem Katalog vorgestellt werden, sind in dem Modellprojekt „Malen mit schwer kranken Kindern und Jugendlichen“ am Südklinikum Nürnberg und in meinem Atelier in der Kaulbachstrasse entstanden. Seit 2001 betreue ich dieses Malprojekt. Dabei kann ich immer wieder beobachten, wie wichtig das Malen für die Kinder und Jugendlichen in den Grenzsituationen zwischen Leben und Tod ist.
Die jungen, malenden Patienten litten und leiden unter ganz umfassenden physischen und psychischen Krankheiten und Belastungen. Unter ihnen sind Opfer von lebensgefährdenden Unfällen, sexueller Gewalt, Jugendliche mit extremen Ess-Störungen, Asthma, kleine Krebspatienten und Patienten mit Multipler Sklerose, Kinder und Jugendliche mit Diabetes und Kinder, die Verlust- und Todeserfahrungen ausgesetzt waren. Krank zu sein und dann auch noch im Krankenhaus sein zu müssen, Schmerzen zu haben und sich ausgeliefert zu fühlen, erfahren Kinder und Jugendliche häufig als sehr traumatisch. Das Malen in der Krankheit ist eine gute Möglichkeit, die Kinder zumindest für die Zeit des Malens aus der Ohnmacht ihrer Krankheit zu locken. Ihnen ein Sprachventil für Ängste und Kummer zu geben. Ganz besonders wichtig ist das auch bei Kindern und Jugendlichen, die unfallbedingt nicht mehr sprechen können oder aufgrund extremer psychischer Belastungen verstummt sind.
Antonia (4 Jahre) beispielsweise setzt sich während des Malens auch noch fast ein Jahr nach dem Tod ihrer kleinen Schwester immer wieder mit deren Verlust auseinander. (vgl. Abb. 13) „Die braucht noch Schwarz für den Anzug, weil ihr Baby ist weg, weil die hat schon mal ein Baby gehabt und das ist weg, deswegen hat die Schwarz an.“ Auch kleine Kinder trauern.
Für Jan (4 Jahre) ist das Malen zu einem Sprachventil geworden, das ihm geholfen hat, seine Gefühle sichtbar zu machen. Jan hat Chlorreiniger getrunken und sich innerlich schwere Verätzungen zugezogen. Zahlreiche lebensgefährliche Operationen musste er erdulden. Seine Stimmbänder sind so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass er lange Zeit nicht sprechen kann. Trotzdem, ganz selbstbewusst, hat er sich gleich schon zu Anfang einen ganz dicken Pinsel ausgesucht. Und kindliche Neugier blitzt miteins aus seinen traurigen und müden Augen. Verkabelt an etliche Schläuche dirigiert er mich von seinem Bett aus, welche Farben er haben will. Wir mischen immer wieder Lila. Das tut ihm gut. Lila ist seine Lieblingsfarbe. Allerlei Flugzeuge entstehen. Auch wenn sie lange wie Grabkreuze aussehen, in seinem Erleben fliegt er, weg von der Krankheit, bekommt Kraft und startet von überall, selbst vom Fernseher (vgl. Abb. 2). Er übermalt dunkle Ungeheuer, schafft sich rettende Inseln (vgl. Abb. 4) und lässt eine Farbkanone schmettern (vgl. Abb. 1). Und ich soll oft kommen, am liebsten gleich wieder morgen. Jan ist ganz stolz auf seine Bilder. Mit Recht, denn er hat etwas selbst geschaffen.
Als ich Sabrina kennen lerne, spricht sie nicht und zeigt kaum Reaktionen. Sie kann weder weinen noch lachen. Ihre Augen blicken leer durch mich durch. Sabrina hat versucht all ihren Kummer auszuhungern. Lebensbedrohlich abgemagert ist sie jetzt. Sie hat scheinbar mit dem Leben abgeschlossen. Sabrina leidet an Magersucht (Anorexie), einer Krankheit, die in erschreckendem Maße zunimmt und von der zunehmend auch immer jüngere Mädchen und Jungen betroffen sind.
Mit großen, verschieden farbigen Farbtuben und vielen unterschiedlichen Pinseln besuche ich sie mehrmals in der Woche am Krankenbett. Wir beginnen unser „Farbengespräch“, erst zögerlich malt Sabrina kantige Formen und starre Begrenzungen aufs Papier. Doch nach und nach findet sie auch Gefallen daran, die Farben untereinander zu vermischen, neue Farben und Formen entstehen zu lassen. Aus eckigen Formen werden runde, aus reinen Farben gemischte, aus steril aufgetragenen Farbflächen werden Farbbewegungen, schließlich beginnen die Farben zu fließen. (vgl. Abb. 23 - 26) Ihre steife Handbewegung ist lockerer geworden und manchmal huscht ein ganz kleines Lächeln über ihr Gesicht. Parallel zum malerischen, künstlerischen Prozess kehrt die fast verschwundene Stimme zurück. „Malen bringt mich auf andere Gedanken. Ich hab gemerkt, dass es auch andere Sachen gibt, als sich dünn zu machen. Zum ersten mal mache ich etwas gerne und ich freue mich darauf, wenn wir wieder malen. Und es war gut, wenn ich nicht gut drauf war, dann ging es mir immer besser, weil ich hatte etwas Schönes gesehen.“
Auch Kristina ist an Magersucht erkrankt. Seit längerer Zeit kommt sie einmal in der Woche zum Malen zu mir ins Atelier. Inzwischen bringt sie sich selbst ganz große Malpappen mit und bearbeitet diese mit verschiedenen Malwerkzeugen und Farben. Ich habe ihr vom Entstehen dieses Katalogs erzählt. In der darauf folgenden Malsitzung gibt sie mir etwas verlegen einen kleinen, fein säuberlich beschriebenen Zettel, auf dem steht: „Das Malen ist für mich auf andere Gedanken zu kommen. Außerdem kann ich damit Anderen eine Freude bereiten, wenn ich ein Bild verschenke. Beim Malen sind meine Gedanken freier.“
Was Antonia, Jan, Sabrina und Kristina beim Malen erfahren haben, trifft auch auf viele andere Kinder zu. In diesem Katalog sind einige ihrer Arbeiten abgebildet. Sie mögen für die vielen anderen Bilder stehen, die wir nicht alle zeigen können (inzwischen sind es mehrere hundert).
Für die Kinder ist nicht nur der Malprozess wichtig, sondern häufig sind sie auch auf ihre Bilder stolz. Sie zeigen sie anderen und schmücken auch ihre Krankenzimmer damit.
In letzter Zeit haben wir viele Bilder auch außerhalb der Klinik gezeigt. Und in den Gängen der Kinderklinik sind seit einiger Zeit etliche der Bilder der Kinder und Jugendlichen fest installiert. Eltern, Geschwister und Freunde, Krankenschwestern und Ärzte sind oft voll des Lobes über diese Bilder und bei den Kindern und Jugendlichen wächst der Stolz über ihre eigene kreative Leistung. Die soziale Anerkennung hilft den Kindern aus ihrer Isolation und gibt ihnen auch auf diese Weise neue Kraft und Selbstbewusstsein.
Ich möchte hinzufügen, dass die Bilder nicht nur für die Kinder von großem Wert sind, sondern ich habe auch festgestellt, dass sie für Betrachter, für die Öffentlichkeit von großem Interesse sind. Die Bilder geben Einblicke in die Situation der Kinder, in ihre Ängste und ihre tiefe Not, aber auch ihren Mut und ihre Kraft sich mit ihrer Krankheit auseinander zu setzen. Die Bilder beeindrucken durch ihre Gestaltungskraft und berühren viele Betrachter.
Ich bin selbst Malerin und für mich ist der Ausdruck mit Farben existenziell. Gerade das Farbenmischen bedeutet ein Loslassen von bekannten Pfaden, ist ein Wagnis, braucht Mut, weil für die Kinder noch nicht genau abzuschätzen ist, was mit den Farben alles passieren wird, es ist auch ein Abenteuer mit schönen Überraschungen, bei dem sich die Kinder als aktive Entdecker erleben. Das Farbenmischen ist deswegen so wichtig, weil jede einzelne Farbnuance andere Gefühle und Stimmungen ausdrückt. Farben können daher sein wie eine Sprache und so facettenreich wie Gefühle. Die verschiedenen Bilder dieses kleinen Katalogs sind eindrückliche Beispiele dafür.
Das Malen, die Arbeit am Werk ist entsprechend der Dynamik des künstlerischen Prozesses auch Arbeit an der eigenen Person. Verschiedene motorische und kognitive Fähigkeiten nehmen zu. Doch das wichtigste für die kranken Kinder, die häufig ganz in sich gekehrt sind, ist ein Zuwachs an „Selbst-Bewusstsein“, gewonnen in der Autonomie des Prozesses, in dem die malenden Kinder von der Anfangsidee bis zum Moment der Fertigstellung ihr eigener Herr sind, frei von Fremdbestimmung und auferlegtem Zweckdenken.
Das Malen hat insgesamt eine sehr positive, heilfördernde Wirkung auf die schwer kranken Kinder. Die Therapeut H. Schaefer - Simmern sagt: „Wer künstlerisch formt, formt sich selber.“ Es ist ein entscheidender Schritt heraus aus dem Zustand der eigenen Isolation, der Dunkelheit und des inneren Todes. Die Formung bedeutet Sichtbarmachung, in Distanz setzen, Entlastung, die Möglichkeit der Befreiung und auch des lebenspraktischen Umgangs mit der Krankheit. Den düsteren Bildern des Horrors lassen sich andere Bilder entgegensetzen. Sie können übermalt werden. Neue Wege werden entdeckt. Schwarz mit etwas weiß vermischt, ist heller. Gegenbilder der Hoffnung und Zuversicht . Helle Farben werden den dunklen gegenüber gestellt.
Ein Bild zu formen ist ein ästhetischer Vorgang. Er ist als gestaltender, entlastender, heilender Prozess zugleich ein therapeutischer Vorgang. J. Beuys pointiert diesen Sachverhalt mit seiner bekannten Feststellung: „Kunst ist Therapie.“. Man könnte auch sagen: Ein Malen, das heilt, ist auch Medizin.
Ursula Jüngst
Freischaffende Künstlerin und Leiterin des Projekts „Malen mit schwer kranken Kindern und Jugendlichen“