Statement

Malen wider dem Wahnsinn
Unsere Welt scheint einer Neuordnung zu unterliegen und ich definiere auch in meinen Werken Standpunkte neu. Während des Malprozesses lege ich unten und oben immer wieder neu fest. Dann, wenn ich den Eindruck habe, dass sich eine Fließspur entgegen der Schwerkraft bewegen soll. Malend schrabbe ich am Chaos entlang und versuche neue Orientierungen. Dabei formen meine Pinselsetzungen und Fließspuren die rhythmische Struktur meiner Gemälde. Unten und oben, hinten und vorne geraten in ein gemeinsames Schwingen. Im Zusammenspiel von Malspuren und Farben versuche ich den Horizont zu finden.

Ursula Jüngst, Februar 2025
Ausschnitt aus "Den Teufel zertanzen", 2025
Malen gegen die Dunkelheit
Mit Pinsel und Farben, Setzungen und Fließspuren begebe ich mich an Orte, in Gefühle, die ich so nicht kenne. Dabei erlebe ich Schrecken, Vergänglichkeit, Schmerz und Angst, doch auch Freude, Zärtlichkeit und Kraft. Ich bin berührt und kann berühren, teilnehmen, respektieren, entdecken, Widerstand leisten. Es ist meine Form der Welt fragend und auch liebevoll zu begegnen.
Ich will Anmalen gegen das Dunkle, die Zerrissenheit, die Sprachlosigkeit, die vernichtende Kälte. Malen birgt in sich die Kraft der Erneuerung. Meine Pinselsetzungen und Fließlinien sehe ich als Formen, um neue Möglichkeiten von Begegnungen zu ergründen.


Ursula Jüngst, März 2024
Malerei am Nerv der Zeit
Meine Gemälde - mögen diese vielleicht auf den ersten Blick wie Farbenspiele aussehen - sind mein Kommentar zur derzeitigen krisenhaften Situation unserer Welt. Sie sind malerische Interventionen zu den Geschehnissen meiner Gegenwart.

Ich bin keine Geschichtenerzählerin und nehme nicht den Umweg über eine gegenständliche Darstellung. Im Malakt vertraue ich auf die dem Material innewohnenden Kräfte und steigere sie.

Malerei ist für mich ein Experimentierfeld für Seinsfragen. In einem Balanceakt zwischen Kontrolle und Kontrollverlust, zwischen Bewahren, Entdecken, Gestalten und Zerstören dirigiere ich meine Stilmittel. Das sind meine markanten Pinselstriche und meine tänzerischen Fließspuren, die im malerischen Prozess mehrfach überarbeitet werden und so den Ausdruck intensivieren. Dabei könnte man die Pinselstriche als Stellvertreter für Menschen mit all ihren unterschiedlichsten Erfahrungen und Möglichkeiten sehen. Die Fließlinien schaffen neue Formen von Begegnungen, machen feinste Regungen und auch Unabdingbarkeit sichtbar. Dabei sind meine künstlerischen Ausdrucksformen bewusst bis an die äußersten Ränder des Bildformats gestaltet und bergen Achtung und Respekt.

Zusammen mit den Pinselsetzungen und Fließspuren werden die dezidiert ausgewählten Farben Vermittler reicher und feinster Empfindungen und entwickelter Haltungen. Im gegenseitigen Durchdringen der Farben und Formen öffnet sich ein leuchtkräftiger, energiereicher Farbklangraum. Frei von räumlicher Verortung oszilliert dieses Kompositionsgefüge und schafft so immer wieder neue Möglichkeiten der Betrachtung. Gleichzeitig spielt das Licht im Bild, wechselt von vorne und hinten, durchdringt den Bildraum und breitet sich aus.

In meinen Gemälden versuche ich für die momentan belastenden Zeiten einen adäquaten Ausdruck zu finden und gegen die düsteren Erfahrungen anzumalen, gegen Ohnmacht, Verfall und Aggression die hoffnungsvolle Kraft des Lichts und des erbauenden Staunens zu setzen.

Ursula Jüngst, Juli 2023
Malerei ist aktuell
Ich möchte in meiner Malerei die Menschen in ihren heutigen Gefühlen erreichen und abholen.
Malerei ist eine Sprache, die direkt zu den Herzen der Menschen geht. Kunst ist eine Möglichkeit, Türen offenzuhalten, selbst da, wo keine Kommunikation mehr greift. Malerei ist für mich auch Ausdruck von Liebe und der Überzeugung, dass die Kunst in sich eine Kraft trägt, dem Widersinn und der Willkür entgegen zu wirken. 

Schlaf mein Kind auch wenn der Teufel lacht, 2020
Öl / Lw, 400 cm x 600 cm (24-teilig)
Das Gemälde „Schlaf mein Kind auch wenn der Teufel lacht" (bereits 2020 gemalt) passt absolut in unsere Zeit. In dieser Malerei versuche ich den Gefühlen einer Mutter (eines Beschützers) Ausdruck zu geben, die ihr Kind (das Liebste und zu Beschützende) trotz aller Widrigkeiten, allem Irrsinn, aller Ängste, aller Unmöglichkeit zu behüten versucht.
„For heaven´s sake" / „Um Himmels willen" - ein Ausruf, der vielleicht entleert schien, doch der angesichts eigener Macht- und Fassungslosigkeit gerade in dieser Zeit neue Bedeutung bekommt. In diesem Gemälde, das Ende letzten Jahres entstanden ist, sind heftige düstere Pinselhiebe gesetzt, die stellenweise zu fließen beginnen, Tränen und den Fluss der Zeit, vielleicht auch den Verfall derselben, assoziieren. Doch das erschreckende Schwarz wird vom frischen, lebensbejahenden Gelb, zarter Rosa und Grün, der Farbe der beginnenden Liebe, gestellt. Die Fließspuren verwandeln sich und werden zu Angelschnüren des Lichts.

Ursula Jüngst, August 2022