„blick-hindurch-blick“... die drei Titelwörter unserer Ausstellung können verschiedene Kombinationen eingehen. Liest man das erste „blick“ als Imperativ, entsteht mit dem folgenden „hindurch“ ein Appell, eine Einladung: „Blick hindurch!“ Beginnt man in der Mitte und hängt das letzte Wort an, kommt „Hindurchblick“ heraus. Wer will, mag „hindurch“ als Zentrum nehmen, das von einem doppelten „blick“ gesäumt ist.
Der verrätselte Titel weist hin auf eine Begegnung von Kunst und Kirche, wie sie in der Reihe „Kunst im Chor“ in der Offenen Kirche St. Klara seit Jahren gepflegt wird. Kunst und Religion sind Geschwister, eigenständig und doch aufeinander verwiesen. Malkunst, wie sie Ursula Jüngst betreibt, bewegt sich wie auf dem Schwebebalken: Da tanzen und leuchten die Farben und gleichzeitig blitzt Tiefe und Weite auf. Es öffnet sich ein Raum, der über die fassbare Form hinausgeht zumindest für Augen, die schauen und „hindurchsehen“ können.
Christlicher Glaube ist ebenfalls eine lebendige Schwebe zwischen „sichtbar“ und „unsichtbar“. Das Auge war dem Rabbi aus Nazareth „das Licht des Leibes“. Die Welt lag vor ihm wie ein lebendiges Gleichnis für den unfassbaren Gott. Hinter und in allem sah er seinen Vater am Werk. „Hindurchblick“ auf den Grund der Wirklichkeit erleuchtet auch heute die Augen des Glaubenden. Bei all dem ist und bleibt Gott Geheimnis, über allen Bildern erhaben. Glaube ist ein lichtes Dunkel.
Lassen Sie die Bilder und Installationen von Ursula Jüngst in und vor einem Raum des Glaubens zu sich sprechen: den Hiob auf einem blauen Podest das blaue Portal, durch das man nicht eintreten, das jedoch einen inneren Raum wachrufen kann die blauen Portraits neben dem Relief der Caritas Pirckheimer im Innenhof schließlich das zentrale Bild über dem Hochaltar, das wie ein Vorhang vor dem Allerheiligsten hängt das schmale aufrechte Gemälde im Chor und die waagrechte Entsprechung unter der Kreuzigungsgruppe.
Der Kunst und dem Glauben geht es um den Mehrwert des Sehens. Wenn Sie mehr zu Sich selbst und ein wenig mehr über Sich hinaus verlockt worden sind, dann hat unsere Ausstellung ihren Sinn erfüllt.
Karl Kern SJ,
Leiter der Offenen Kirche St. Klara